Es ist kaum zu fassen, selbst nach fast einem Jahr schaffen es die Spanier immernoch, mich mit neuen Unmoeglickeiten zu ueberraschen. Und das ist nicht immer positiv. So geschehen heute nachmittag, auf einer kleinen Shoppingtour mit Kati quer durch Madrid.
Kati hatte was gefunden, was ihr gefiel, Schuhe, was auch sonst, oder um genauer zu sein: Stiefel. Was liegt also naeher als die Idee, diese mal anzuprobieren?
Gesagt - getan. Leider standen die Stiefel nicht in der entsprechenden Groesse im Regal, also mussten wir die Verkaeuferinnen belaestigen. Was darauf folgte ist fuer den Spanien-Erfahrenen nichts neues mehr: Rumgenoergel, Unfreundlichkeit (Wie konnten wir es wagen, das Gespraech zu stoeren?!?) und elend langsame Bewegung. Fuer die Nicht-so-Erfahrungen hier ein kurzer Abriss der daraufhin folgenden zehn Minuten:
Als ersten unterhielt sich die Mitarbeiterin zu Ende mit ihrer Kollegin, wir hatten ja gestoert, dann, aber immer langsam und in Ruhe (tranquilo wie der Spanier sagt) macht sie sich auf den Weg ins Lager, nicht ohne auf dem Weg mit ihren anderen Kollegen zu reden. Einmal im Lager verschwunden taucht sie fuer fuenf Minuten nicht mehr auf, entweder ist das Lager riesig, extrem chaotisch oder da verstecken sich noch mehr Kollegen mit denen man quatschen muss.
Kaum kommt sie wieder raus - wir hatten schon gehofft, sie hat den Schuh - geht sie zu einer weiteren Kollegin (nein, es scheint nicht nur so, es waren ein Haufen von Leute dort, mehr Verkaeufer als Kaeufer. Das wird auch im Verlauf noch einmal wichtig sein). Warum? Um ihr den Stiefel zu geben, ihr zu erklaeren wer dieses Schuh in welcher Groesse gerne anprobieren moechte. Sprich, bisher war nix passiert!
Diese, noch lauffauler als die erste, nimmt ihr Funkgeraet und funkt ins Lager, welcher Schuh erfragt wurde, nicht einmal, sondern mehrfach, inklusive Beschreibung und Nummer. Es waere sicher einfacher gewesen, selbst das Ding aus dem Lager zu holen. Aber das war ja schon ihrer Kollegin nicht geglueckt!
Endlich, endlich kam dann der Stiefel, aber nur der Linke. Anprobiert, wunderbar, sieht gut aus, jetzt muss man nur mal beide anprobieren, schliesslich moechte man ja wissen, ob sie auch zum Laufen bequem sind.
Wir hatten ja nun mit viel gerechnet, auch mit weiteren zehn Minuten Warten auf den zweiten Stiefel, was aber nun kommt, dass uebertrifft alles:
Es ist nicht moeglich den zweiten Schuh anzuprobieren.
Wie? Was? Wir konnten (und wollten) unseren Ohren nicht glauben. Man kann nicht beide Schuhe anprobieren? Das uebertrifft alles, was ich an Unservice bisher erlebt habe. Die Erklaerung ist einfach und logisch, zumindest fuer die dort arbeitenden Spanier: Man koennte ja mit den Schuhen abhauen.
Wohlbemerkt, wir sassen im Keller, die Stiefel hatten recht hohe Pfennigsabsaetze (muessen die jetzt eigentlich Centabsaetze genannt werden?) und es waren mehr Verkaeufer als Kaeufer im Laden. Mal ganz abgesehen davon, dass ja auch ihre eigenen Schuhe noch dort auf dem Boden standen.
Auch die Loesung ist fuer die Spanier hier ganz einfach: Man muss die Schuhe einfach kaufen, man hat dann ja 15 Tage Zeit, diese bei Nichtgefallen umzutauschen. Im einzelnen haette das ganze dann wie folgt ausgesehen: Schuhe kaufen und gleich im Laden anprobieren. Und sollte sich herausstellen, dass sie unbequem sind, alles wieder zurueck, ein Storno, Geld zurueck usw.
Und das in einem Laden, in dem immer zwei Leute die Kasse bedienen: Eine haelt den Karton, die andere scannt mit dem Scanner die Nummer ein. Was die uebrige Arbeitsgeschwindigkeit und -moral betrifft kann man sich ja anhand der Geschehnisse an einer Hand abzaehlen. Das Anprobieren der Schuhe wuerde zum nachmittagfuellenden Programm.
Selbst das Angebot, einen Ausweiss zu hinterlegen, hat nix gebracht, man koennte ja ohne den Ausweiss wegrennen.
Uns blieb also nur eins: das Geschaeft verlassen. Das ist nicht so einfach, wenn ein Maedel sich in irgendwelche Schuhe verguckt hat! Zum Glueck stellten wir relativ schnell fest, dass jeder zweite Schuhladen die gleichen Stiefel hat, wenn auch nicht immer in der richtigen Farbe. Letztendlich fanden wir einen Laden, der einem erlaubt, beide Schuhe anzuziehen, fehlende Groessen nachbestellt und einen sogar noch informiert, wenn die Schuhe da sind.
Und damit fanden wir auch die Beruhigung, dass selbst hier solche Seltsamkeiten eher die Ausnahme sind, und nicht die Regel.